Pfarrerinnen und Pfarrer

Gottesdienst im Stundentakt

Pfarrer Alexander Seidel am Altar

"Ich habe den schönsten Beruf, den es gibt – zumindest für mich", sagt Pfarrer Alexander Seidel.

Bild: Seidel

Wie erlebt eigentlich ein Pfarrer den Gottesdienst? Alexander Seidel, Dorfpfarrer in Wilhelmsdorf und Brunn gibt einen Einblick in seinen Sonntagvormittag - eine Begegnung mit Gott und den Mennschen.

Der Sonntagmorgen ist anders als die anderen: Der Wecker läutet etwas später als an den Schultagen, das Frühstück fällt etwas spartanischer als am Samstag. Nach einem Müsli mit Kaffee verziehe ich mich für eine Virtelstunde ins Arbeitszimmer: In Ruhe will ich mir noch einmal die Predigt durchlesen. Anschließend singe ich mich im Bad und beim Anziehen warm: Leitvers und Introitus – dann habe ich das Gefühl: Jetzt passts! Talar, Gottesdienstmappe, Predigt und Abkündigungen flutschen in meinen schwarzen Koffer – und ich steige ins Auto. Nur 200 Meter sind es bis zur Kirche. Das ginge eigentlich auch zu Fuß, aber danach muss ich sofort ins Nachbardorf zum nächsten Gottesdienst, der genau eine Stunde nach dem ersten beginnt. Da zählt jede Minute.

Den Ablauf noch einmal durchsprechen

Eine Viertelstunde vor 9 Uhr betrete ich unsere Kirche. Heute ist der Besuch überdurchschnittlich. Das gibt innerlich Auftrieb. Der Posaunenchor hat schon zwei Lieder gespielt – auch die Bläser müssen sich musikalisch aufwärmen. Mit dem Chorleiter und der Organistin schaue ich noch einmal auf den Ablauf: Keine Änderungen im Vergleich zu dem, was wir per WhatsApp schon herumgeschickt hatten. In der Sakristei erinnert mich die Messnerin, dass die Batterien vom Funkmikrofon bald leer sind: Ok – für heute reichen sie ja noch.

Hinhören und Mitfeiern

Karolin Gerleigner,© Karolin Gerleigner

Bild: Karolin Gerleigner

"Am Gottesdienst gefällt mir die Musik in jeglicher Hinsicht. Das Hinhören, Mitfeiern und Singen von neuen und alten Liedern lässt meine Seele und mein Herz zur Ruhe kommen. So richtig aufatmen und sich dadurch Gott nahe fühlen, das ist ein tolles Gefühl." Pfarrerin Karolin Gerleigner, Plattling

Die Gegenwart Gottes erleben

Pfarrer Thomas Prusseit,© privat

Bild: privat

"Im Gottesdienst freue ich mich, die Gegenwart Gottes zu erleben. Ich selbst höre gern relevante Botschaften und gehe davon aus, dass auch ich den Menschen etwas zu sagen habe. Ich möchte Menschen etwas erzählen von dem, was ich in der Bibel gelesen und was ich selbst erfahren habe - und sie damit berühren und aufbauen." Pfarrer Thomas Prusseit, Freising

Ein Gesamtkunstwerk

Tabea Baader ,© privat

Bild: privat

Für mich ist ein Gottesdienst ein Gesamtkunstwerk mit der Predigt, die den Reichtum der biblischen Tradition erschließt. Für die Seele gibt es Musik, die mir die ganze Woche über im Ohr bleibt. Spannend finde ich auch, wen ich Sonntags in der Kirche treffe. In meiner Heimatgemeinde freue ich mich, alte Bekannte wieder zu sehen. Pfarrerin Tabea Baader, Augsburg

Der Gottesdienst läuft heute wie am Schnürchen. Fröhlich-feierliche Atmosphäre, sogar die Konfirmanden wirken konzentriert – danke, lieber Gott. Die Zeit in unserer kleinen Kirche vergeht wie im Flug. Das ist der Flow, der mich immer wieder fasziniert: Wir singen und beten gemeinsam. Während der Predigt fühle ich mich nicht als Dozent höherer Weisheit, vielmehr als einer, der ausspricht, was diese biblischen Worte in ihm auslösen und seine Zuhörer auf eine Entdeckungsreise mitnimmt. Das gelingt längst nicht immer. Aber wenn mir wieder einmal so ein Gottesdienst geschenkt wird, dann weiß ich: Ich habe den schönsten Beruf, den es gibt – zumindest für mich. Bald ist das letzte Lied gesungen, an der Türe verabschiede ich mich mit einem Händedruck von den Gottesdienstbesuchern. Viele wünschen mir einen schönen Tag, einige bedanken sich für die schöne Predigt, und ich hoffe, dass das Lob mehr ist als nur eine freundliche Floskel.

Eine Pfarrerin erzählt ihre Geschichte: Juliane Fischer aus Hallbergmoos

Fliegenden Schrittes geht es zum nächsten Gottesdienst: Ich komme fünf Minuten zu spät – aber das ist man im Nachbarort gewohnt. Die notwendigen Absprachen sind flott erledigt. Die Kirche ist größer und auch nicht so gut besucht. Aber über die, die da sind, freue ich mich umso mehr. Dass ich hier nun noch einmal genau den gleichen Gottesdienst feiere, ist mir seit Jahren vertraut. Es ist ja nicht so, dass nacheinander immer die gleiche Vorstellung abgespult wird. Jedes Mal ist es Begegnung mit Gott und mit Menschen. Ich bin auch ein Mensch – das stelle ich fest, als ich mich beim “Gehet hin im Frieden des Herrn” hoffnunglos versinge und auch beim zweiten Anlauf scheitere. Das ist mir in zwei Jahrzehnten noch nicht passiert. Die Besucher quittieren es mit sichtlich gelöstem Lächeln. Beim Verabscheiden an der Tür höre ich mehr als einmal: “Des mit dem Singen woar fei richdich schee – so menschlich”.

Mit Pfarrer ist es ein bisschen schöner

Dann sitze ich wieder im Auto: Es wartet der dritte Gottesdienst im Stundentakt: als Familienkirche, die zum Großteil von Ehrenamtlichen gestaltet wird. Da macht es nichts, dass ich inzwischen zehn Minuten Verspätung angesammelt habe. Die fangen dann schon mal ohne mich an, und wissen: Es geht eigentlich auch ohne Pfarrer – aber wenn er dann da ist, ist es ein bisschen schöner.


27.10.2017 / Alexander Seidel
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