Kirchenfenster

Die leuchtenden Wände Gottes

Kirchenrestauratorin bei der Arbeit

 

Bild: Jens Wegener

Martha Hör hat einen besonderen Beruf: Die Restauratorin pflegt und wartet alte Kirchenfenster.

Ganz wohl ist ihr nicht, wenn sie im maximal ausgefahrenen Hubwagen hoch oben im Chor der Kirche schwebt. Jedes Mal wundert sie sich, dass der Wagen mit dem lang ausgestreckten Arm nicht kippt – doch das Vertrauen in die Technik siegt. Was die junge Frau in den Kirchenhimmel führt, ist eine nicht ganz alltägliche Arbeit. Martha Hör, Kirchenfensterrestauratorin mit Diplom, ist verantwortlich für die gewaltigen gotischen Glasfenster in den beiden Nürnberger Kirchen St. Sebald und St. Lorenz.
Zur Wartung und Pflege werden von ihr alle zwei Jahre einzelne farbige Fenster aus den Lanzettbögen herausgenommen. Die diffizile Arbeit bedarf der Mithilfe eines Schlossers und einer Restauratorenkollegin.
Zusammen baut das Team die jahrhundertealten, in einzelne Einheiten geteilten Scheiben behutsam aus. „Die über 600 Jahre alte Kunstform ist sehr widerstandsfähig und stabil“, erklärt Martha Hör, „dennoch setzen ihr Umwelt- und Witterungseinflüsse massiv zu.“ Die deutlichsten Spuren der Verwitterung sind der Industrialisierung und dem zunehmenden Straßenverkehr in den 1970er und 1980er Jahren geschuldet. Aber auch schon im Mittelalter entstanden Schäden, vor allem durch die Hopfenverschwefelung, die für den Nürnberger Raum spezifisch war. Die Beheizung der Kirchen hat ebenfalls ihren Beitrag geleistet, so die Restauratorin: „Wenn ich einen warmen Luftstrom in die Kirche puste, der auf die kalten Wände trifft, bildet sich ganz viel Kondenswasser. Diese Feuchtigkeit setzt allem zu, egal ob Wand, Tafelgemälde oder Fenster.“ In der St. Sebalduskirche dient die Sakristei während der Wartungsarbeiten gleichermaßen als Lagerraum wie auch als Werkstatt. Ein Leuchttisch, ein Mikroskop, ein Photoapparat, Pinsel sowie der Museumsstaubsauger: Viel mehr benötigt Martha Hör für die sensible Aufgabe der Instandhaltung der einzigartigen Kunstschätze nicht.

Zitat

Wir bewegen uns zwischen Kunsthistorikern, Denkmalpflegern, Chemikern und Bauphysikern.

Martha Hör

Im Wesentlichen liegt ihre Arbeit in der Entstaubung und Kontrolle der in Bleiruten eingefassten Gläser. „Ich arbeite nur unter dem Mikroskop“, sagt Martha Hör, legt vorsichtig eine der ältesten Scheiben aus dem 14. Jahrhundert auf den Tisch und schaltet die Leuchtröhre ein. Noch immer erstrahlt das Glas in den verschiedenen Farbtönen mit großer Leuchtkraft. Die eingearbeiteten Bleiruten, die der Stabilität dienen und dem Fenster Struktur geben, fügen sich fast unsichtbar in das Gesamtbild ein. Die Farbigkeit im Glas sei immer noch vorhanden, erläutert Martha Hör. Nahezu komplett verloren gegangen dagegen ist die Gestaltung, es fehlt an Modellierung und an Feinheit. So verschwinden ornamentale Strukturen, Gewänder, Bärte und ganze Gesichter unter dem Einfluss von sogenannten Korrosionssalzen. Unter dem Mikroskop lassen sich die Schäden an Glas und Bemalung in Form von kleinen Blasen und Löchern gut erkennen. Martha Hör zeigt auf einen Heiligen: „Da sieht man den gemalten Bart, der durch die Salze wegplatzt.“ Sie versorgt diese kritischen Stellen unter dem Mikroskop mit kleinen Tupfern eines aufgelösten Acrylharzes.
Liebevoll nennt sie die Gläser „meine Patienten“ und vergleicht die ältesten unter ihnen mit 80-jährigen Ex-Rauchern mit fünf Beipässen, die einer intensivmedizinischen Behandlung bedürfen.

Die Glaskunst des Mittelalters

Schon sehr früh entdeckte man, dass sich mit verschiedenen Metallsalzen und den Grundzutaten Sand, Kalzium sowie Buchen- oder Farnasche durch Schmelzen im Ofen buntes Glas herstellen lässt. Daraus entwickelte sich die Kunst der Glasmalerei. Die verschiedenfarbigen Gläser wurden mit einem erhitzten Trenneisen zurechtgeschnitten und später mit sogenanntem Schwarz- oder Braunlot (schwarzem Glaspulver) bemalt. Anschließend kamen die Glasscheiben nochmals in den Brennofen, wo sie bei 600 Grad aufgeschmolzen wurden. Durch die enorme Hitze wurde das Grundglas weich, bekam eine honigartige Konsistenz und konnte sich mit dem aufgetragenen Glaspulver fest verbinden. Danach wurden die Glasscheiben in Bleiruten eingefasst und so miteinander verbunden, dass ein mosaikartiges Motiv entstand.

Restaurierungswut mit Kalkentferner

Kirchenfenster durchs Mikroskop

Bild: Jens Wegener

So schonend gingen Restauratoren nicht zu allen Zeiten vor. Schon im 19. Jahrhundert sei mit sehr vielen neuen Materialien experimentiert worden. Auch in den 60er und 70er Jahren gab es eine Phase, in der Kunstharze aufgetragen wurden. Korrodierte Stellen sollten damit beschichtet werden. Dabei wurde oft nicht bedacht, dass auch diese Materialien einem Alterungsprozess unterliegen. „Sie altern anders als die ursprünglichen Materialien, oft sogar schneller“, so Martha Hör. Die in großem Stil durchgeführten Restaurationsarbeiten seien zwar in bester Absicht geschehen, und man glaubte den Versprechungen der Hersteller, dass die Harze nicht vergilben würden und ihre Auftragung jederzeit reversibel sei. „Das stimmt einfach nicht. Wenn man Harz in poröses Gewebe eindringen lässt, kann es nicht wieder entfernt werden.“ Auch bei der Reinigung der historischen Fenster ließ man wenig Vorsicht walten. Gipskrusten wurden großflächig abgeschliffen oder gar mit Kalkentferner behandelt. Heutige Restauratoren haben daher auch manchmal mehr mit den Restaurierungsmaterialien zu kämpfen als mit der historischen Substanz selbst. Heute beschränken sich die Restauratoren zunehmend auf die Konservierung, Beobachtung und Dokumentation. Dabei spielt die Schutzverglasung eine zentrale Rolle, um die Fenster vor Witterungseinflüssen und Feuchtigkeit zu bewahren. So gibt es heute beheizbare Scheiben, die sehr gute Dämmwerte liefern, und spezielle Gläser, die vor Sonnenlicht schützen. Restaurierungsarbeit hat zunehmend mit Technologie und Naturwissenschaft zu tun: „Wir bewegen uns zwischen Kunsthistorikern, Denkmalpflegern, Chemikern und Bauphysikern.“

Kirchenfenster wird zur Arbeitsstelle getragen

Bild: Jens Wegener

"Es ist immer wieder eine große Faszination!"

Ihre Liebe zur Glaskunst entdeckt Martha Hör bereits als Teenager. In den Ferien hilft sie in der Werkstatt aus, in der ihre Mutter als Glasgestalterin arbeitet. „Da war die Nähe zu den Fenstern schon da“, erinnert sie sich. „Am Anfang war das Studium breiter gefächert, in den ersten Semestern kam alles vor – Fenster, Wand, Stein, Gemälde. Ich habe aber schnell begonnen, den Fokus nur auf Glas zu legen, das fand ich am spannendsten.“ Schon während des Studiums bekommt Martha Hör die Chance, eine eigene Werkstatt zu führen. Dort betreut sie hauptsächlich kleinere Objekte; heute findet man Martha Hör allerdings weniger in ihrer Werkstatt als in den Kirchen. In der St. Sebalduskirche hat sie, wie sie selbst es nennt, den „großen Luxus“ eines Werkvertrages. „Ich habe mich mit jedem einzelnen Fenster befasst und kenne den jeweiligen Zustand ganz genau.“
Dass Martha Hör das eine oder andere Abenteuer im Kirchenschiff überstehen muss, nimmt sie für ihre Leidenschaft gerne in Kauf. So blieb sie einmal in schwindelnder Höhe im schwankenden Hubwagen stecken. „Im Zeitalter von Handys war es glücklicherweise kein Problem, den Techniker anzurufen, damit er den Strom anstellen und den Motor wieder starten konnte.“ Ein anderes Mal musste sie ganz schnell vom Gerüst klettern, weil dieses nicht richtig verankert war und zu wanken begann. An der Erhaltung solch großartiger kunsthistorischer Werke beteiligt zu sein, ist jedoch Entschädigung für solche Unwägbarkeiten: „Es ist immer wieder eine große Faszination, diese wunderschönen Fenster leuchten zu sehen!“


11.09.2017 / Margaretha Becker / ELKB Jahresbericht
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